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25.07.2013

Wahrnehmung des Klimawandels Klimawandel findet auch in unseren Köpfen statt. Jeder von uns nimmt das Thema je nach persönlichem oder beruflichem Hintergrund unterschiedlich wahr.

Veränderung der Wahrnehmung

Seit dem Frühjahr 2008 findet am Helmholtz-Zentrum Geesthacht (HZG) jährlich eine Umfrage unter Hamburger Bürgerinnen und Bürgern zu ihrer Einstellung und ihrer persönlichen Betroffenheit zum Klimawandel statt. Dazu werden jedes Jahr im März/April ca. 500 Hamburger und Hamburgerinnen telefonisch befragt.

© Sashkin/fotolia

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Der Fragenkatalog ist immer der gleiche, allerdings wird seit dem dritten Jahr den Fragen zum Klimawandel eine allgemeine Frage zu den Problemen in Hamburg vorangestellt. Die Fragen beziehen sich auf den Klimawandel und seine Auswirkungen für Hamburg, auf den gedachten Zeitrahmen, wann denn der Klimawandel in Hamburg spürbar wird, mit welchen möglichen schweren Konsequenzen für Hamburg gerechnet wird und ob sich der Befragte persönlich betroffen sieht. Diese Umfrage zum Risikobewusstsein zielt auf die Bereitschaft, sich an einem Katastrophenmanagement aktiv zu beteiligen. Wenn es in den Köpfen der Menschen keinen Platz für präventives Handeln und den Schutz im Katastrophenfall gibt, wird es für alle weiteren Maßnahmen schwer, zu wirken. Es geht nicht zuletzt auch darum, die Menschen zu einem aktiven Handeln und zu einer Anpassung an die Folgen des Klimawandels zu motivieren.

Die Ergebnisse der ersten Umfrage 2008

Die Befragung von 2008 ergab, dass 61% der befragten Hamburger Bürger den Klimawandel als eine große bis sehr große Bedrohung für die Stadt ansehen. Des Weiteren gaben 44% der Befragten an, dass die Folgen des Klimawandels für Hamburg bereits heute deutlich spürbar sind. Als Naturkatastrophe mit den potenziell schwersten Folgen für Hamburg fürchteten 83% Sturmfluten bzw. Überschwemmungen. Starkregen, die bereits immer häufiger auftreten, nannten dagegen nur 3% der Befragten. Die Umfrage machte deutlich, dass der Klimawandel in den Köpfen der Hamburger im Jahr 2008 sehr präsent war. Das Risikobewusstsein für Naturkatastrophen ist hoch. Jugendliche und die Befragten bis 45 Jahre sahen sich besonders von einer Naturkatastrophe bedroht. Erstaunlicherweise sah sich die Generation, die die Folgen der schweren Hamburger Sturmflut von 1962 eventuell selbst erlebte, deutlich weniger betroffen. So fürchteten 69% der über 60-Jährigen Hamburger keine Naturkatastrophen, obwohl 72% von ihnen zuvor angaben, den Klimawandel bereits heute zu spüren oder in spätestens 10 Jahren deutliche Folgen erwarten.

Die Ausbildung oder das Geschlecht machen bei der Risikowahrnehmung der Hamburger kaum einen Unterschied. Bedeutsam scheint jedoch das Alter zu sein, da die persönlich
wahrgenommene Bedrohung durch den Klimawandel ab 45 Jahren signifikant abnimmt. Doch gerade für diese Gruppe besteht Nachholbedarf bei der Aufklärungsarbeit zu den möglichen Folgen des Klimawandels in der Stadt. Denn sollte Hamburg eine schwere Sturmflut treffen, ist es gerade für die älteren Mitbürger wichtig, angemessen vorbereitet zu sein, um sich bei einer Katastrophe schützen zu können.

Die Befragungsergebnisse 2010

2010 war nur noch knapp die Hälfte der befragten Hamburger der Meinung, dass der Klimawandel eine große (37%) oder sehr große (1%) Bedrohung für ihre Stadt darstellt. 36 % der Hamburger hielten die Bedrohung für weniger groß, und 12% sahen im Klimawandel für Hamburg überhaupt keine Bedrohung. Die Umfrage machte deutlich, dass der Klimawandel, wenn direkt danach gefragt wird, in den Köpfen der Hamburger zwar weiterhin präsent ist, jedoch fällt bei der Frage nach der Bedrohung Hamburgs durch den Klimawandel der Unterschied zum Vorjahr mit minus 5% und im Vergleich zu 2008 mit minus 13% recht deutlich aus. Den Klimawandel schätzten zunehmend weniger Menschen in Hamburg als Bedrohung ein. Es waren vor allem die Männer, die sich durch den Klimawandel weniger beeinträchtigt fühlten.

Abb.1: Bedrohung Hamburgs durch den Klimawandel im Vergleich 2008-2013

Abb.1: Bedrohung Hamburgs durch den Klimawandel im Vergleich 2008-2013

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Von den Hamburgern, die die Bedrohung Hamburgs durch den Klimawandel als groß oder sehr groß einschätzten, glaubten 28%, dass die Folgen eher später – in etwa 30 Jahren spürbar würden. Dies waren 2008 und 2009 noch 15% bzw. 16%. Der Anteil der Befragten, für die die Folgen des Klimawandels schon 2010 spürbar waren, sank von 44% im Jahr 2008 auf 30% (2010). 32% glaubten, dass die Folgen in den nächsten 10 Jahren spürbar würden. Gleichzeitig stieg die Sorge vor der persönlichen Betroffenheit von 46% im Jahr 2008 und 48% (2009) auf 55% (2010).

Abb.2: Folgen des Klimawandels für Hamburg werden spürbar (im Vergleich 2008-2013)

Abb.2: Folgen des Klimawandels für Hamburg werden spürbar (im Vergleich 2008-2013)

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Als Naturkatastrophe mit den potentiell schwersten Folgen für Hamburg schätzten 84% der Hamburger Sturmfluten bzw. Überschwemmungen ein. 8% hielten Stürme für die Naturkatastrophe mit den potentiell schwersten Folgen für die Stadt, 3% nannten Starkregen und 2% Hitzewellen. Immerhin 45% der Befragten hielten es nicht für möglich, von einer Naturkatastrophe wie Sturmfluten, Stürme, Hitzewellen oder Starkregen auch persönlich betroffen zu sein.

Abb.3: Welche Naturkatastrophe hätte die schwersten Folgen (im Vergleich 2008 - 2013)

Abb.3: Welche Naturkatastrophe hätte die schwersten Folgen (im Vergleich 2008 - 2013)

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Männer schätzten die Bedrohung eher als nicht gegeben ein, während Frauen mit ihrer Einschätzung der Bedrohlichkeit eher in den Kategorien „sehr groß“ und „groß“ antworteten. Ein ähnliches Bild ergab sich bei der Frage nach dem Zeitraum, in dem die Folgen des Klimawandels spürbar werden: hier findet sich bei den Männern eine Verschiebung auf die Zeit „in 30 Jahren“, während die Frauen tendenziell einen früheren Zeitraum für realistisch hielten. Bei der Frage nach der persönlichen Betroffenheit hingegen ergab sich ein etwas anderes Bild: nachdem sich die Frauen 2008 und 2009 eher weniger betroffen fühlten als die Männer (54 bzw. 55% beantworteten diese Frage mit „nein“) meinten 2010 knapp 60% persönlich von einer möglichen Naturkatastrophe betroffen zu sein, und nur noch 41% der Frauen beantworteten diese Frage mit „nein“. Der Besorgnisgrad der Männer blieb über die letzten Jahre konstant und lag bei etwa der Hälfte, die die Frage mit „ja“ bzw. „nein“ beantwortete. Das Phänomen, dass Frauen bestimmte Dinge eher als eine Bedrohung wahrnehmen als Männer, wurde bereits in anderen Bereichen wie z.B. bei Umfragen zur Gentechnik oder zur Atomkraft beobachtet (s. z.B. [1], [2], [3], [4], [5]).

Menschen mit Hauptschul- und mittlerem Abschluss fühlten sich 2010 eher durch den Klimawandel bedroht. Letztere spürten die Folgen des Klimawandels öfter als andere Befragte bereits heute, während Menschen mit Abitur/Studium den Zeitraum in mehr als 30 Jahren für wahrscheinlich hielten. Die Befragten mit Hauptschulabschluss empfanden ähnlich wie die 45- bis 59-Jährigen Stürme überdurchschnittlich oft als die Naturkatastrophen mit den verheerendsten Folgen für Hamburg.

Die ab 2010 als Einstieg gestellte Frage nach den wichtigsten Problemen in der Stadt Hamburg sollte Aufschluss darüber geben, ob der Klimawandel generell als Problem der Stadt gesehen wird. Hier wurde deutlich, dass 2010 der Klimawandel für die Hamburger keine akute Bedrohung darstellte, sondern vielmehr tagesaktuelle Ereignisse die Wahrnehmung von Problemen dominierten. Mit Abstand am häufigsten wurde die Bildungspolitik (von 39% der Befragten) genannt. An zweiter Stelle folgten Verkehrsprobleme (29% der Befragten), an dritter Stelle der Bau der Elbphilharmonie (20%). 14% nannten die Finanzpolitik bzw. die finanzielle Lage der Stadt und 12% das Angebot an Betreuungsmöglichkeiten für Kinder als größtes Problem in Hamburg. Umweltthemen spielten bei der Frage nach den größten Problemen der Stadt eine untergeordnete Rolle: nur 3% nannten die Umweltpolitik bzw. die Umweltbelastung, 2% das geplante Kohlekraftwerk und ebenfalls 2% die Atompolitik. Das Wetter wurde spontan von 1% der Befragten genannt.

Insgesamt wurde der sich in den vorangegangenen Umfragen bereits abzeichnende negative Trend in der Wahrnehmung der Bedrohlichkeit des Klimawandels und seiner potenziellen Auswirkungen auch in der Umfrage 2010 bestätigt.

Die jüngsten Ergebnisse 2013

Seit der ersten Umfrage im Jahr 2008 sank vier Jahre lang in Folge der Trend des Risikobewusstseins unter Hamburgern und Hamburgerinnen. Die letzte Telefonumfrage fand in der Zeit vom 6. März bis 16. April 2013 statt. Befragt wurden 511 Bürgerinnen und Bürger der Stadt Hamburg. Der Fragenkatalog entsprach dem der vorhergehenden Umfragen aus den Jahren 2008 bis 2012.

Die Hälfte (50%) der befragten Hamburger ist der Meinung, dass der Klimawandel eine große oder sehr große Bedrohung für ihre Stadt darstellt. Weitere 36% der Hamburger halten die Bedrohung für weniger groß, und 12% sehen im Klimawandel gar keine Bedrohung für Hamburg. Der in den letzten Jahren beobachtete Abwärtstrend (von 2008 bis 2011 minus 17%) bei der Frage nach der Bedrohung Hamburgs durch den Klimawandel scheint abzuflachen bzw. sich umzukehren: nachdem 2011 noch 44% der Befragten die Bedrohung Hamburgs durch den Klimawandel als sehr groß oder groß ansahen, sind es dieses Jahr mit 50% wieder ähnlich viele wie 2009 (53%).

Von den Hamburgern, die die Bedrohung Hamburgs durch den Klimawandel als groß oder sehr groß einschätzen, glauben 2013 35% die Folgen des Klimawandels schon heute zu spüren und 20%, dass die Folgen eher später – in etwa 30 Jahren – spürbar werden. Im Unterschied zu der Frage der Bedrohung Hamburgs durch den Klimawandel scheint hier der Wendepunkt bereits 2010 gewesen zu sein. In dem Jahr meinten mit 30% die wenigsten Hamburger die Folgen des Klimawandels schon heute zu spüren und mit 28% waren es im Beobachtungszeitraum 2008 bis 2013 die meisten, die sie erst in etwa 30 Jahren zu spüren erwarteten.

Als Naturkatastrophe mit den potentiell schwersten Folgen für Hamburg schätzen immer noch knapp über 80% der Hamburger Sturmfluten bzw. Überschwemmungen ein. 8% halten Stürme für die Naturkatastrophe mit den potentiell schwersten Folgen für die Stadt, 6% nennen Starkregen und 3% Hitzewellen.

Bei der Frage nach der persönlichen Betroffenheit durch eine Naturkatastrophe blieben die Werte über die letzten Jahre weitgehend konstant. Jeweils etwa die Hälfte beantwortete die Frage bislang mit „ja“ bzw. „nein“. In diesem Jahr ist das anders: 2013 meinen immerhin 60% der befragten Hamburger, im Fall einer Naturkatastrophe, wie Sturmflut, Sturm, Hitzewelle oder Starkregen, persönlich betroffen zu sein. 40% der Befragten halten dies 2013 nicht für möglich.

Den Klimarisikobezogenen Fragen wurde 2013 zum vierten Mal eine allgemeine, offene Problemfrage vorangestellt: Welches sind Ihrer Meinung nach zurzeit die drei wichtigsten Probleme in Hamburg? (Mehrfachnennungen möglich). Die Antworten auf diese Frage zeigen auch dieses Mal, dass der Klimawandel für die Hamburger keine akute Bedrohung darstellt, sondern vielmehr Hamburg-spezifische Themen dominieren. Die Umweltthemen spielen bei der Frage nach den größten Problemen der Stadt eine eher nachgeordnete Rolle: 3% nennen die Umweltpolitik bzw. die Umweltverschmutzung und jeweils 2% die Sauberkeit der Stadt bzw. der Parkanlagen sowie das Wetter.

Der Abwärtstrend scheint sich umzukehren

Der beobachtete Abwärtstrend von 2008 bis 2011 bei der Einschätzung des Klimawandels und seiner potentiellen Folgen ist offensichtlich kein auf Hamburg beschränktes Phänomen. Es ist nicht einmal „typisch deutsch“: seit 2007 ließ sich nahezu weltweit eine sinkende Tendenz in der Wahrnehmung des Klimawandels als Bedrohung der Menschen beobachten (s. dazu auch: [6] Ratter, Philipp, v. Storch, 2012). Was der Grund dafür sein könnte, ist unklar. Vielleicht ist eine gewisse Klimawandelmüdigkeit eingetreten, vielleicht hat auch der E-Mail-Skandal um die Klimaforscher 2009 („ClimateGate“) seinen Teil dazu beigetragen. Vielleicht war es aber auch nur die Rückkehr zur Normalität. Es gibt Hinweise darauf, dass die Werte Ende der 1990er Jahre schon einmal auf dem Niveau von heute lagen. Dazwischen gab es z.B. in den USA nachweislich einen Anstieg mit den höchsten Umfragewerten im Jahr 2007 (s. dazu: [7] ABC News/Washington Post poll: Global Warming, Nov. 2009).
 ABC News/Washington Post poll

Auch die Umfrage-Daten der US-amerikanischen [8] gallup, die bis in die 1980er Jahre zurückreichen, zeigen einen vergleichbaren Trend.
 gallup-Umfrage

Abb. 4: Besorgnis über den Klimawandel in den USA und Hamburg im Vergleich

Abb. 4: Besorgnis über den Klimawandel in den USA und Hamburg im Vergleich

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Im direkten Vergleich wird die Parallelität der Entwicklungen besonders deutlich. So steht zu vermuten, dass es sich bei der Entwicklung in Hamburg ebenso wie in den USA um ein immer wiederkehrendes Auf und Ab mit mehr oder weniger starken Extremen handelt, und demnach nun eine über mehrere Jahre ansteigende Tendenz zu erwarten wäre. Ob dies tatsächlich so eintreffen wird, wie sich weltweit das Bedrohungsempfinden der Menschen durch den Klimawandel entwickelt, und ob die Hamburger weiterhin „der Spiegel der Welt“ sein werden, bleibt abzuwarten.
 Zwischenstand der Studie 2012: "Between hype and decline: recent trends in public perception of climate change"