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30.04.2013

Klimawandel und Wirtschaft Der Klimawandel wird sich künftig verstärkt auf die Handlungsmöglichkeiten von Unternehmen auswirken. Wie greift die Wirtschaft den Klimawandel auf?

Was passiert, wenn in einem Kreis mehrere Wirtschaftszweige vom Klimawandel betroffen sind?

Problemstellung

Während sich die Forschung zur Anpassung an den Klimawandel in den vergangenen Jahren dynamisch entwickelt hat, befinden sich die Überlegungen zum Einfluss des Klimawandels auf Wirtschaftszweige bisher noch in ihren Anfängen. Zwar sind mittlerweile viele mögliche Auswirkungen qualitativ identifiziert worden. Noch fehlen jedoch sowohl Indikatoren, mit denen diese gemessen werden könnten, als auch hinreichende Kenntnisse darüber, wie dies zu systematischem Anpassungshandeln führen kann. Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich deshalb zum einen mit der Betroffenheit von Wirtschaftszweigen und zum anderen mit deren Zusammenhängen sowie den resultierenden Konsequenzen für einzelne Regionen. Diese haben zugleich Implikationen für Entscheidungen in Unternehmen, Politik und öffentlicher Verwaltung.

Betroffenheit von Wirtschaftszweigen

Die Verwundbarkeit eines Wirtschaftszweiges oder eines Unternehmens hängt ab von der Exposition, der Empfindlichkeit (Sensitivität) und der Resilienz (IPCC 2007, Hiete/Merz 2009).

© photo 5000/fotolia

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Die Exposition beschreibt die äußeren Faktoren, hier die Auswirkungen des Klimawandels, denen der Sektor gegenwärtig ausgesetzt ist oder in Zukunft sein wird. Die Sensitivität umfasst die internen strukturellen Faktoren des Sektors oder des Unternehmens, die darüber bestimmen, inwieweit die Exposition zu einer Gefährdung führen könnte. Die Resilienz gibt Aufschluss darüber, in welchem Maße die Möglichkeiten und der Wille bestehen, sich auf die Folgen des Klimawandels entweder ex ante einzustellen oder ex post zu reagieren. Gemäß diesen Definitionen ist dann die Betroffenheit abhängig von der Exposition und der Empfindlichkeit eines Sektors. Im Folgenden wird nur die Betroffenheit von Sektoren und daraus abgeleitet von Regionen aufgezeigt und diskutiert.

Die Exposition spiegelt sich in den Ausprägungen des Klimawandels und dessen Auswirkungen wider. Die für Wirtschaftszweige im Wesentlichen relevanten Konsequenzen sind Änderungen der jährlichen Temperaturen, der Niederschlagsmuster sowie der Extremereignisse und der Extremwerte im Sinne der Höchst- und Niedrigtemperaturen, der Niederschlagsart, deren Häufigkeit und ihrer Intensität. Klimaänderungen treten dabei regional unterschiedlich auf und können verschiedene, also keine bis starke, Einflüsse auf Sektoren haben (für eine Zusammenfassung internationaler Studien siehe Nies/Apfel 2011).

Als besonders sensitiver Wirtschaftszweig gilt der Agrarsektor, weil dessen Produktionsergebnisse wesentlich von den klimatischen Bedingungen abhängen. Die Wetterbedingungen beeinflussen dabei nicht nur direkt Menge und Qualität der Erzeugnisse, sondern auch indirekt die Art und Häufigkeit von Schädlingen und Krankheiten. Auch das Baugewerbe wird vom Klimawandel tangiert. Einerseits weil die Wetterbedingungen die Produktivität verändern können. Andererseits weil sich die baulichen Anforderungen sowohl im Hinblick auf veränderte Wetterbedingungen als auch auf den Klimaschutz ändern. Ebenfalls als sensitiv gelten Wirtschaftszweige, die besonders von infrastrukturellen Bedingungen abhängig sind, wie unmittelbar die Energie- und Wasserwirtschaft oder die Verkehrs- und Logistikbranche sowie mittelbar alle Wirtschaftszweige, die stark auf (deren) Vorleistungen angewiesen sind. Hierhinter steht vor allem die Überlegung, dass Extremereignisse zu kostenintensiven Lieferunterbrechungen führen könnten. Ähnliches gilt unter diesen Voraussetzungen auch für die Industrie und das Gewerbe (Heymann 2007, Auerswald et al. 2010, Lühr et al. 2011).

Klimaänderungen bedingen, dass sich die Betroffenheit von Wirtschaftszweigen im Zeitablauf verändert. Die Unsicherheit über das Ausmaß der künftigen Klimaänderungen sowie über deren Auswirkungen erschwert das unternehmerische Planen und Handeln. Zugleich liefert die vorhandene Betroffenheit einzelner Wirtschaftszweige Indizien für die Zweckmäßigkeit frühzeitigen Handelns. Im Folgenden soll dies unter Berücksichtigung der (regionalen) Verflechtung von Wirtschaftszweigen unterstrichen werden

Regionale Verflechtung von Wirtschaftszweigen

Wirtschaftszweige sind auf vielfältige Art und Weise über Lieferbeziehungen miteinander verbunden. Dabei können Sektoren untereinander zugleich Lieferant und Empfänger von Waren und Dienstleistungen sein. Statistisch wird dies in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung mit Hilfe von Input-Output-Tabellen erfasst. Für das Jahr 2008 sah diese für Deutschland (aggregiert zu drei Sektoren) wie folgt aus:

Der erste Quadrant zeigt dabei, in welcher Höhe Zwischenprodukte in Form von Gütern oder Dienstleistungen von jedem Wirtschaftszweig (Aufkommen) in alle anderen Wirtschaftszweige (Verwendung) in einem Jahr geliefert wurden. Entsprechende Lieferverflechtungen bestehen auch auf regionaler Ebene. Allerdings liegen hierfür keine statistischen Daten vor, so dass mit Hilfe empirischer Verfahren eine Regionalisierung vorgenommen werden muss, um beispielsweise ein Bild auf Ebene der deutschen Kreise oder beispielsweise der Metropolregion Hamburg zu erhalten.

Tabelle 2 zeigt die geschätzten Lieferverflechtungen innerhalb der Metropolregion Hamburg für drei Sektoren. Dies gibt nicht nur Auskunft darüber, wie Wirtschaftszweige auf regionaler Ebene miteinander interagieren. Es ist damit zusätzlich möglich, sogenannte Schlüsselsektoren zu bestimmen. Sie sind einerseits ein Anhaltspunkt für die Spezialisierung einer Region auf bestimmte Branchen und andererseits dafür, welche Sektoren besonders stark innerhalb der Region mit anderen Sektoren verflochten sind. Sektoren, die eine solche Schlüsselfunktion einnehmen, können dadurch starke Anstoß- und Mitzieheffekte in der regionalen Wirtschaft auslösen (indirekte Effekte).

Tabelle 3 zeigt, welche Sektoren in den Kreisen der Metropolregion Hamburg gleichzeitig bedeutende Lieferanten und Konsumenten von Zwischenprodukten beherbergen. Neben der Energieversorgung sind dies unter anderem Verkehr und Lagerei, die chemische Industrie und der Landwirtschaftssektor Die chemische Industrie ist beispielsweise ein bedeutender Dünger- und Pflanzenschutzmittellieferant für die Landwirtschaft. Gleichzeitig bezieht sie Produkte von der Mineralöl verarbeitenden Industrie und ist auf zahlreiche Dienstleistungsangebote in ihrer Nähe angewiesen. In 12 der 15 Kreise der Metropolregion Hamburg würde eine Produktionsunterbrechung in Unternehmen der chemischen Industrie, beispielsweise aufgrund eines Hochwasserereignisses, daher auch zu erheblichen Schwierigkeiten in anderen Sektoren führen.

Regionale Betroffenheit

Die Betroffenheit der regionalen Wirtschaft durch Klimaänderungen hängt stark von der Sektorstruktur ab. Sie steigt dabei zum einen mit dem Vorhandensein einzelner betroffener Sektoren und ihrer regionalen Bedeutung. Wirtschaftszweige, die eine starke überregionale Verflechtung aufweisen und Zwischenprodukte importieren, sehen sich beispielsweise langen Transportwegen gegenüber. Störungen der Verkehrswege können zu Lieferverzögerungen führen, was gerade in der Just-in-time-Produktion zu Produktionsunterbrechungen führen kann. Denkbar wäre eine Einschränkung des Schiffverkehrs durch Niedrigwasser in Flüssen infolge langer Trockenperioden. Zum anderen hängt die Betroffenheit aber auch von der Intensität und Art der regionalen Lieferverflechtungen betroffener Sektoren ab. Die Identifikation von Schlüsselsektoren liefert hier einen Anhaltspunkt, welche Branchen besonders zur regionalen Betroffenheit beitragen.

Ein Unternehmen, das von einem Ausfall eines oder mehrerer Lieferanten betroffen ist, kann möglicherweise regionalen Ersatz finden oder auf Anbieter dieser Zwischenprodukte außerhalb der Region zurückgreifen. Dies hängt allerdings zunächst von der Substituierbarkeit der Produkte und damit von ihrem Spezialisierungsgrad ab. Ist dies gegeben, müssen die regionalen Anbieter über genügend Überproduktionskapazitäten verfügen, um die Nachfrage bedienen zu können. Andernfalls fällt die Wertschöpfung für die Produktion der Zwischenprodukte außerhalb der Region an.

Die Bedeutung von Lieferverflechtungen für die Summe der Wertschöpfungsverluste, die eine Region infolge eines Extremwetterereignisses erleiden kann, machen Modellrechnungen zu den wirtschaftlichen Folgen von Sturmfluten im Stadtteil Wilhelmsburg in Hamburg deutlich. Sie zeigen, dass die indirekten Schäden durch Produktionsausfälle enorm ansteigen, sobald es zu Lieferschwierigkeiten kommt, und somit auch Unternehmen außerhalb des direkt betroffenen Gebietes ihre Produktion zurückfahren müssen. Ein mittleres Ereignisse, bei dem die direkten Schäden rund 1 Mrd. Euro betragen, wirkt nach den Modellrechnungen für die Hamburger Wirtschaft aufgrund der erforderlichen Wiederaufbaumaßnahmen sogar stimulierend, so dass insgesamt ein Wertschöpfungsgewinn von 60 Mio. Euro entsteht. Werden dagegen alle Wohn- und Geschäftshäuser von dem Flutwasser erfasst, mit einem geschätzten direkten Schaden von 5,5 Mrd. Euro, so betragen die indirekten Verluste bereits 550 Mio. Euro (Kowalewski/Ujeyl 2012).

Klimatische Veränderungen und insbesondere Extremereignisse können also mit hohen Kosten für einzelne Unternehmen verbunden sein. Diese können aber gleichzeitig zu einer Vielzahl von Folgewirkungen führen, so dass eine hohe regionale Betroffenheit besteht. Bei der Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen ist daher zu prüfen, auf welcher Ebene (Unternehmen, Politik) Anpassungsmaßnahmen umgesetzt werden sollten. Zunächst sollte davon ausgegangen werden, dass sich Unternehmen autonom anpassen, also aus eigener Initiative und individuellem Kalkül heraus. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sie Kenntnisse über mögliche Klimaänderungen und die Folgen für ihr Unternehmen haben. Hier können von staatlicher Seite Informationslücken geschlossen werden und damit auch mögliche Hemmnisse zur Anpassung abgebaut werden. Politischer Handlungsbedarf besteht insbesondere dann, wenn das Handeln der Unternehmen gesellschaftlich und wirtschaftspolitisch gewünscht ist. Dies ist dann gegeben, wenn eine unternehmerische (Nicht-)Anpassung Auswirkungen auf andere Unternehmen, Haushalte, Ökosysteme etc. hat. Stromausfälle können beispielsweise enorme volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Schäden verursachen. Kann ein vermehrtes Auftreten solcher Ereignisse durch die Anpassung des Energieversorgungssektors erreicht werden, so sollte von politischer Seite geprüft werden, ob unterstützende Maßnahmen zur Anpassung notwendig sind.

Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass die Folgen des Klimawandels sowohl für Unternehmen als auch Regionen durchaus Chancen bieten können. Diese bestehen nicht nur darin, dass sich die regionalen Produktionsbedingungen, zum Beispiel in der Landwirtschaft, auch günstig entwickeln können. Vielmehr ist zu vermuten, dass sich relative Frühanpasser Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Unternehmen und Regionen sichern können, sofern die durchgeführten Maßnahmen per se einer Kosten-Nutzen-Analyse standhalten. Darüber hinaus können sich für Unternehmen, die Anpassungslösungen entwickeln und anbieten, Marktchancen ergeben. Damit kann jeweils ferner eine geringere Betroffenheit der entsprechenden Regionen einhergehen.

Autoren
Autoren Schulze
Dr. Sven Schulze
Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut gemeinnützige GmbH (HWWI)

Autoren Kowalewski
Dr. Julia Kowalewski
Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut gemeinnützige GmbH (HWWI)

Quellen