Zur Übersichtsseite "Dossiers"
25.07.2013

Wahrnehmung des Klimawandels Klimawandel findet auch in unseren Köpfen statt. Jeder von uns nimmt das Thema je nach persönlichem oder beruflichem Hintergrund unterschiedlich wahr.

Wahrnehmung des Klimawandels – Erkenntnisse psychologischer Forschung

Mangel an direkter Wahrnehmbarkeit des Klimawandels und irreführende Erfahrungen

Klima ist der Mittelwert aus dem Wetter von 30 Jahren ([1] Solomon et al., 2007, S. 942). Der Klimawandel ist damit die Veränderung dieser Mittelwerte aus jeweils 30 Jahren. Unser menschliches Wahrnehmungssystem ist für die Berechnung solcher Mittelwerte und ihrer Veränderungen nicht ausgestattet. Insofern ist der Klimawandel für uns Menschen nicht direkt wahrnehmbar. Wahrnehmbar, erfahrbar und erinnerbar sind lediglich einzelne Wetterphänomene.

Allerdings werden solche einzelnen Wetterphänomene immer wieder von wissenschaftlichen Laien und auch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht. Beispielsweise werden Extremwetterereignisse wie die Starkniederschläge im Sommer 2002 oder im Frühjahr 2013, die zu großflächigen Überschwemmungen in Ostdeutschland führten, als Belege für den Klimawandel angeführt. Oder die kalten und schneereichen Winter in den letzten Jahren in Deutschland werden als Hinweis darauf gedeutet, dass es mit dem Klimawandel und der Klimaerwärmung doch nicht so schlimm sein kann, wie von wissenschaftlicher Seite oft behauptet. Allerdings lassen sich die kalten und schneereichen Winter durchaus mit dem Klimawandel erklären, wie wissenschaftliche Studien zeigen (1). Erfahrungen (bzw. ihre Interpretation) sind also zum Teil irreführend.
 (1) Zusammenstellung wissenschaftlicher Studien

ag visuell/fotolia

ag visuell/fotolia

Das Bedürfnis, unsere Wahrnehmungen und Erfahrungen mit dem nicht direkt wahrnehmbaren Klimawandel in Bezug zu setzen, ist wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass in unseren Köpfen ständig zwei parallele Informationsverarbeitungsprozesse ablaufen ([2] Chaiken & Trope, 1999; [3] Epstein, 1994; [4] Sloman, 1996). Der eine Informationsverarbeitungsprozess verläuft erfahrungsbasiert, un- bzw. halbbewusst, relativ schnell und geht oft mit Emotionen einher. Der andere ist stärker analytisch und verläuft bewusst, langsam und weniger emotional. Der erfahrungsbasierte Verarbeitungsprozess endet bei vielen Menschen aufgrund der mangelnden Wahrnehmbarkeit des Klimawandels und der wenigen Erinnerungen an persönliche negative Erfahrungen durch Wetterphänomene, die auf den Klimawandel zurückgeführt werden, mit der Einschätzung: „Bisher ist doch kaum was Schlimmes passiert“. Der analytische Prozess ergibt – in Abhängigkeit vom Wissen über Szenarien des Klimawandels, seiner Ursachen und seiner Folgen – mitunter höhere Risikoeinschätzungen, z.B. „Der Klimawandel führt wahrscheinlich zu einer Zunahme von Hitzewellen und Hitzetoten“.

Leider ist es nun so, dass dort, wo beide Verarbeitungsprozesse zu unterschiedlichen Ergebnissen führen, sich oft die erfahrungsbasierte Einschätzung durchsetzt ([5] Loewenstein et al., 2001). Denn wir Menschen sind es gewohnt, uns vor allem auf unsere persönlichen Erfahrungen zu verlassen. Folglich kommt es bei vielen Menschen zu einer relativ geringen und emotionslosen Risikoeinschätzung hinsichtlich des Klimawandels. Der Klimawandel wird eher als ein Problem der fernen Zukunft oder von entfernten Orten wahrgenommen ([6] Spence et al., 2012). Man denke hier an das viel verwendete Bild der gefährdeten Eisbären in der Arktis.

Klimawandel als vermittelte Realität und die Wichtigkeit des Vertrauens in Experten

Da der Klimawandel nicht direkt wahrnehmbar ist und uns unsere Erfahrungen hinsichtlich seiner Existenz und seiner Folgen mitunter in die Irre führen, wird seine nachvollziehbare, adressatenspezifische und glaubwürdige Vermittlung durch Wissenschaft und Medien zur entscheidenden Quelle unseres Wissens und unserer Einschätzungen zum Klimawandel. Letztlich beruht ein Großteil unserer Einschätzungen zum Klimawandel nicht auf unseren persönlichen Erlebnissen von Klimaveränderungen, sondern auf den Artikeln, die wir über den Klimawandel gelesen, den Fernsehsendungen, die wir zu dem Thema gesehen, und den Gesprächen, die wir mit Freunden, Bekannten und Verwandten geführt haben. Daher wird die Frage nach der Wahrnehmung des Klimawandels, der ja nicht direkt wahrnehmbar ist, zu einer Frage nach seiner indirekten Wahrnehmung: der Wahrnehmung der Kommunikation des Klimawandels durch wissenschaftliche Experten, die Medien und den Freundes-, Familien und Bekanntenkreis.

Dadurch rückt das Vertrauen in und die Glaubwürdigkeit von Klimawissenschaften und Medien als „Kernressource“ der Klimawandelwahrnehmung ins Blickfeld. Wenn kein Vertrauen in die vermittelten Klimainformationen vorhanden ist, „verpuffen“ diese wirkungslos und die vorhandene (Nicht-)Wahrnehmung des Klimawandels bleibt unberührt (vgl.[7] Leiss, 1996; [8] McGuire, 1985). Der Aufbau von Vertrauen benötigt sehr lange. Rund vier Jahrzehnte vergingen seit den ersten wissenschaftlichen Befunden in den 1960er Jahren zu einem CO2-Anstieg in der Atmosphäre und einer dadurch bedingten Verstärkung des Treibhauseffektes, bis es Anfang des 21. Jahrhunderts zu einer breiten gesellschaftlichen Anerkennung des Klimawandels als ernstes und von Menschen verursachtes Problem kam, die in der Verleihung des Friedensnobelpreises an den IPCC und Al Gore im Jahre 2007 gipfelte. Ein Vertrauensverlust geschieht viel schneller, wie das sogenannte „Climate Gate“ (die unautorisierte Veröffentlichung von Emails von Klimawissenschaftlern, die sich angeblich im Sinne einer übertriebenen Darstellung des Klimawandels untereinander abgesprochen hätten) und die Berichterstattung über angebliche Fehler in Berichten des IPCC gezeigt haben. Die Vorwürfe stellten sich zwar als unbegründet heraus ([9] siehe Rahmsdorf, 2010), das Vertrauen in die Klimawissenschaften war aber erschüttert. So kam es seit ca. 2006 in verschiedenen Industrieländern zu einem Rückgang der Besorgnis über den Klimawandel in der allgemeinen Bevölkerung – wahrscheinlich auch dadurch bedingt, dass die Medienberichterstattung zu dem Thema zurückging und die Finanz- und Wirtschaftskrise in vielen Industrieländern als wichtiger angesehen wurden ([10] Pidgeon, 2012). Einen entsprechenden Trend gab es auch in Deutschland (siehe Beitrag "Veränderung der Wahrnehmung" in diesem Dossier). Allerdings zeigt sich in einigen Ländern, so Pidgeon (2012), inzwischen eine Stabilisierung und zum Teil auch wieder ein Anstieg der Klimawandelbesorgnis.
 Veränderung der Wahrnehmung

Einflussfaktoren der Wahrnehmung des Klimawandels

Dafür, wie unsere Wahrnehmung des Klimawandels durch die Kommunikation des Klimawandels von wissenschaftlichen Experten und den Medien beeinflusst wird, ist nicht nur entscheidend, ob wir den Experten und Medien vertrauen, sondern auch, was und wie zum Klimawandel kommuniziert wird. Inhalt und Stil der Kommunikation über den Klimawandel sind also entscheidend für unsere Wahrnehmung des Klimawandels. Wenn die Kommunikation überkomplex und unverständlich für uns ist, bleibt sie ohne Wirkung auf unsere Klimawandelwahrnehmung. Wenn die Kommunikation allgemein und abstrakt ist, bleibt auch unsere Klimawandelwahrnehmung eher abstrakt und allgemein, so dass lediglich allgemeines und abstraktes Wissen über den Klimawandel aufgebaut wird. Wenn sie aber adressatenspezifisch die Frage „Was bedeutet der Klimawandel für mich?“ beantwortet, bekommt die Klimawandelwahrnehmung eine emotionale Färbung und wird zu einer persönlichen Risikowahrnehmung, weil die Klimawandelkommunikation deutlich macht, wie das, was einem persönlich wichtig ist, durch den Klimawandel berührt und bedroht ist – seien es die eigene Gesundheit oder die der Kinder, das Eigenheim, die Eisbären oder das von vielen geliebte Venedig. Sofern Klimawandelkommunikation nicht nur zu einer abstrakten und allgemeinen Klimawandelwahrnehmung, sondern auch zu Klimaschutzhandeln (z.B. Gebäudedämmung) oder zu Anpassungshandeln an den Klimawandel (z.B. Gesundheitsschutz bei Hitzewellen) beitragen will, muss sie diesen Bezug zu den Wünschen, Werten und Zielen der Adressaten herstellen und dadurch Emotionen auslösen. Denn wie wir inzwischen aus den Neurowissenschaften wissen: Keine Handlung ohne Emotionen ([11] Damasio, 2004). Entsprechend kommt [12] Roeser (2012) in ihrer Literaturübersicht zur Rolle von Emotionen für die Klimawandelkommunikation zu dem Schluss, dass Emotionen notwendig sind für Entscheidungsfindungsprozesse und in der Klimawandelkommunikation verstärkt berücksichtigt werden sollten.

Vielfach wird die Annahme vertreten, dass es erst einmal um die Schaffung einer (wissenschaftlich korrekten) Wahrnehmung des Klimawandels in Politik und Bevölkerung gehen muss, bevor man sich den Fragen nach dem Handeln zum Klimaschutz oder zur Anpassung an den Klimawandel zuwendet. Erkenntnisse aus der psychologischen Risiko- und Stressforschung lehren uns, dass diese Annahme falsch ist. Denn wir machen ganz automatisch den Schritt zu Handlungsüberlegungen, wenn wir mit Risikoinformationen konfrontiert werden. Wir fragen uns ganz automatisch: „Was kann ich tun, um dieses Risiko zu mindern?“ Und wenn wir bei diesen Überlegungen zu dem Schluss kommen, dass wir persönlich nicht viel tun können – eine Auffassung, die hinsichtlich des Klimawandels weit verbreitet ist ([13] APA, 2010) – flüchten wir uns ganz automatisch (und oft schnell und unbewusst) in Abwehrreaktionen wie Wunschdenken („Das wird schon alles nicht so schlimm“), Verleugnung („Die Klimawissenschaften irren sich“), Fatalismus („Ich kann da sowieso kaum was machen“), Wegschieben von Verantwortung („Die Wirtschaft/ die Politik / China / die USA sollen etwas tun“) oder Aufschieben von Handeln („Da kümmere ich mich vielleicht in der Zukunft mal drum“) ([14] Grothmann & Patt, 2005). Auch wenn wir in Befragungen bekunden, dass „Bürgerinnen und Bürger durch ein umweltbewusstes Alltagsverhalten wesentlich zum Klimaschutz beitragen können“ (siehe Beitrag "Deutschland und Europa" in diesem Dossier), fühlen wir uns individuell doch oft relativ ohnmächtig, zu dieser bürgerschaftlichen Massenbewegung einen Beitrag leisten zu können, oder halten diese für relativ unwahrscheinlich.
 Deutschland und Europa

Die beschriebenen Überforderungs- und daraus folgenden Abwehrreaktionen sind umso wahrscheinlicher, je stärker das Ungleichgewicht zwischen dem kommunizierten Risiko (z.B. massive Überschwemmungen durch Starkregenereignisse, die ganze Häuser wegreißen) und den wahrgenommenen eigenen Handlungsmöglichkeiten (z.B. Sandsäcke vor Kellerfenstern) sind ([14] Grothmann & Patt, 2005). Abwehrreaktionen sind insbesondere auch bei hochkomplexen und daher schwer greifbaren Risiken wie dem Klimawandel weit verbreitet, der im Übrigen noch eine „inconvenient truth“ ist, wie Al Gore ihn in seinem gleichnamigen Film nennt, denn der Klimawandel fordert zu einer Veränderung des von vielen geliebten (oder zumindest gewohnten) CO2-intensiven westlichen Lebens- und Konsumstils auf.

Die Konsequenz aus diesen Abwehrreaktionen (oder eine weitere Form der Abwehr) kann die Vermeidung der Klimawandelwahrnehmung sein. Und da der Klimawandel nicht direkt wahrnehmbar ist (und sich einem sozusagen nicht tagtäglich durch direkte Erfahrung „aufdrängt“) ist die Vermeidung seiner Wahrnehmung durch die Vermeidung seiner indirekten Vermittlung relativ einfach: Man liest einfach keine Artikel mehr zum Klimawandel oder wechselt das Fernsehprogramm oder das Gesprächsthema, wenn er erwähnt wird.

Fazit für die Kommunikation des Klimawandels

Da die nachvollziehbare, adressatenspezifische und glaubwürdige Vermittlung des Klimawandels durch Wissenschaft und Medien die entscheidende Quelle unserer Wahrnehmung des Klimawandels ist, lassen sich die Themen Klimawandelwahrnehmung und Klimawandelkommunikation nicht trennen. Und da Menschen ganz automatisch auf Risikoinformationen mit Handlungsüberlegungen reagieren, sollte sich die Klimawandelkommunikation nicht auf die adressatenspezifische Kommunikation des Klimawandels und seiner potenziellen Folgen beschränken, sondern immer auch adressatenspezifisch machbare und wirksame Handlungsmöglichkeiten zum Klimaschutz und zur Anpassung aufzeigen, sowie attraktive klimaschützende und -angepasste Alternativen zum westlichen Lebens- und Konsumstil skizzieren, um Überforderungs- und Abwehrreaktionen zu verhindern. Dann kann die Klimawandelkommunikation zu einer Klimawandelwahrnehmung beitragen, die zu einem „Handlungsmotor“ des Klimaschutzes und der Klimaanpassung wird.

Autor
Autoren Grothmann
Dr. Torsten Grothmann
Institut für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Quellen